Von Trollen und Dinos   

„Youtuber Rezo zerstört die CDU“ – so eine von vielen Schlagzeilen. Aus dem desaströsen Umgang der Bundespolitik mit dem Video können auch Kommunalpolitiker viel lernen. 

Er ist ein Troll, wie er im Buche steht. Youtuber Rezo hat eine emotionale Provokation produziert. Über den Inhalt des Zerstör-Videos mit Ansage mag jeder denken, wie er will. Die Reaktionen der Bundespolitiker auf diese digitale Stammtischrede wirkten jedoch, als hätte sie die Klima-Kritik eiskalt erwischt, wie einst der Asteorid die Dinosaurier. Die Kommunikationsstrategie jedenfalls stammt ganz offensichtlich aus der Kreidezeit. In ihrem politischen Elfenbeinturm in Berlin zogen Politiker das Video erst ins Lächerliche, verunglimpften den Youtuber dann, hatten aber keine Antwort parat. 

Sprachlosigkeit und Stimmenverluste

Dann die Ankündigung, man werde mit einem Gegenvideo reagieren. Der Hashtag #Amthor hielt sich mehr als 24 Stunden auf Platz Eins der Twitter Charts. Das Thema wurde so am Leben gehalten, obwohl das Video schon Tage alt war. Und die Klickzahlen auf dem Youtube Kanal des Musikers stiegen und stiegen. Dann aber macht die Parteiführung einen Rückzieher. Nach fertigem Dreh wird der Jungpolitiker Philipp Amthor zurückgepfiffen, das Video offenbar kassiert. Das wirkt wie eine Kapitulation. Mehr noch: Die Botschaft an junge Menschen lautet indirekt: „Wir trauen selbst unseren eigenen Jungpolitikern nichts zu“. Verheerend! Zu toppen nur noch durch einen anschließend veröffentlichten elfseitigen!!! Brief in Form eines PDF. Eigentlich hätte nur noch gefehlt, dass die Partei die Abhandlung per Fax verschickt. Hätte die CDU einfach gar nicht reagiert, es hätte allemal weniger Schaden angerichtet.

Komplexe Sachverhalte leicht verständlich darstellen

Was können Kommunalpolitiker nun aus diesem Totalversagen auf Bundesebene lernen? Die viel zu selten gestellte Frage lautet doch: „Warum hören fast 13 Millionen junge Menschen Rezo überhaupt zu“? Einem jungen Mann, der sonst völlig unpolitische Videos macht?

Weil es ihm gelungen ist, komplexe Sachverhalte, die viele junge Menschen umtreibt, in kurzen Statements und in ansprechender Form darzustellen. Er hat es geschafft, Fakten – auch wenn nicht alle haltbar sind – mit seiner eigenen Meinung zu kombinieren.

Informationen emotional nachvollziehbar machen

Er hat komplexe Informationen so aufbereitet, dass sie emotional und praktisch nachvollziehbar werden. Es geht in dem Video nicht darum, dass Rezo ein paar Zahlen genannt hat, die man im Einzelfall vielleicht sogar anzweifeln kann. Es hilft auch nicht die Diskussion, ob er etwa die Bildungsausgaben korrekt berechnet hat. Er hat ein Thema besetzt, das Menschen interessiert und er hat es emotional aufbereitet.

Lösungsvorschläge für Menschen erlebbar machen

Genau das ist auch Aufgabe und Chance in der Kommunalpolitik. Dabei haben wir sogar einen Vorteil: die Herausforderungen sind, anders als bei globalen Themen, fast immer direkt vor Ort greifbar. Wir müssen sie nur so aufgreifen, dass unsere Lösungsvorschläge für die Menschen auch erlebbar, fühlbar werden. Unsere Schere im Kopf, Meinungen und Fakten immer trennen zu wollen, ist dabei ein Problem. Kommunalpolitiker leben von Persönlichkeit, eigener Meinung und Emotionen. Diese Emotionen sollten dabei positiv sein. „Dann gibt’s auf die Fresse“ ist definitiv nicht der Stil, der positive Emotionen weckt. Und es hilft auch nicht, wenn Politiker Ü50 im Kapuzenshirt auf einmal U30 spielen. Authentisch geht anders! Persönlichkeit ist gefragt. Wähler schätzen nicht das Anbiedern, sondern dass ihnen überhaupt zugehört wird. So wie die jungen Menschen dem Youtuber zuhörten.

Vor Ort Themen setzen

Wer die Menschen vor Ort erreichen will, muss zudem auf Themen setzen. Aber bitte diese Themen dann nicht elendig lange mit dem hinterletzten Detail bis zur Unkenntlichkeit zerreden. Sie werden nur erfolgreich Themen besetzen, wenn sie mit konkreten Projekten überzeugen können. Die müssen greifbar und erlebbar sein, möglichst zudem emotional überzeugen. Vor allem aber müssen sie frei von Ideologie sein. Gerade in der Kommunalpolitik ist die ideologische Verbohrtheit oft der Sargnagel für Vertrauen. Wenn der Parkplatz am Bahnhof ständig überfüllt ist, weil die Menschen mit dem Auto zum Bahnhof fahren, hilft keine Diskussion über Parkraumbewirtschaftung, damit mehr Menschen mit dem Bus zum Bahnhof kommen. Ideologische Verbote – in diesem Fall mit dem hehren Ziel einer Verkehrswende – bringen die Menschen nicht weiter. Sie werden bei einer Verknappung des Parkraums eher komplett mit dem Auto ans Ziel fahren. Ein konkretes Projekt könnten hier Angebote wie etwa eine bessere Taktung der Busse, ein System mit Leihfahrrädern oder künftig Angebote mit E-Scootern, die über ein Verleihsystem angeboten werden, sein. Das sind greifbare Projekte, die verstanden werden, Bilder im Kopf erzeugen und Emotionen wecken.

Weg mit den Floskeln und Worthülsen

Zu guter Letzt: Es ist die Sprache und die Ansprache. Da reagiert die CDU-Chefin auf das Rezo-Video ernsthaft mit der Worthülse:  „Auf komplexe Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Christian-Erhardt-740x1024.jpgFragen gibt es keine einfachen Antworten“. Da kann ich nur noch verzweifelt rufen: „Themen nicht mit Floskeln abhandeln“. Aber eben auch nicht mit einem elfseitigen Antwortbrief, den nicht einmal Wissenschaftler bis zu Ende lesen werden. Konkrete, einfache Sprache ist hier gefragt. Womit wir wieder bei der Authentizität wären. Da kann ein Anbiedern über ein hippes Youtube-Video dann auch schnell nach hinten losgehen.
 
Christian Erhardt
www.twitter.com/CEzwitschert
Chefredakteur von Kommunal.
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