Saar-Arbeitsmarkt: 50.000 Jobs verschwinden und 23.000 neue entstehen

Gesundheits- und gesundheitsnahe Berufe werden in den nächsten Jahren großen Zulauf erhalten. Foto: Adobe
Die Arbeitswelt der Saarländer steht vor einem Riesen-Umbruch. Das Land wird amtlichen Prognosen zufolge 125.000 Menschen zwischen 25 und 65 Jahren verlieren. Hinzu kommen Veränderungen bei Stahl und Autobau. Und die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Es gehen erheblich mehr Arbeitsplätze verloren, als neue entstehen. Saarlandinside-Serie: Wohin steuert das Saarland? Über Gewinnerbranchen und Zukunftsjobs im Land.

Der Berufsmarkt ist seit jeher im Wandel, doch das Tempo der Veränderungen sei seit einigen Jahren enorm hoch, sagt Inga Rottländer von der Jobplattform Step-Stone dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Das hat es so zum letzten Mal während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert gegeben.“

Treiber sei in erster Linie die zunehmende Digitalisierung: Künstliche Intelligenz hält immer stärker Einzug in die Arbeitswelt, Maschinen und Roboter übernehmen mehr und mehr Aufgaben. Betroffen seien vor allem standardisierte Tätigkeiten etwa im Büro oder in der Fertigung, zitiert RND Alexandra Fedorets vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

50.000 Jobs verschwinden und 23.000 neue entstehen

Wie sich Branchen und Arbeitsmarkt im Saarland entwickeln werden, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB der Bundesagentur für Arbeit (BfA) in einer länderspezifischen Studie herausgearbeitet. Das IAB erwartet bereits bis 2035 massive Veränderungen auf dem saarländischen Arbeitsmarkt. Der Strukturwandel werde 50.000 Arbeitsplätze vernichten, vor allem in der Stahlbranche, im Einzelhandel in der Öffentlichen Verwaltung, im Fahrzeugbau, im Baugewerbe. Andererseits werden 23.000 neue Jobs entstehen, insgesamt werden im Saarland nicht mal halb so viel neue Jobs geschaffen wie abgebaut, sagt das BfA-Institut voraus.

Fast 40 Prozent der Beschäftigten im Saarland durch Maschinen ersetzbar

Digitalisierung und technologischer Wandel bestimmen die Zukunft des Arbeitsmarkts. Big Data, Robotik, Künstliche Intelligenz, Sensorik, 3-D-Druck und damit verbundene Prozesse der Automatisierung verändern vor allem das Produzierende Gewerbe. Das IAB geht davon aus, dass im Bundesschnitt ein Viertel der Beschäftigten durch computergesteuerte Maschinen ersetzt werden kann. Das Saarland sei das Bundesland mit dem größten „Substituierungspotenzial“. 40 Prozent der Beschäftigten können durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden. Die IAB-Analyse für das Saarland nennt den Grund für die hohe Quote: Besonders viele Saarländer arbeiten im Verarbeitenden Gewerbe und dort häufiger in Berufen mit hohem Substituierungspotenzial. Das heißt: Im Saarland arbeiten mehr Menschen in einfachen Helferjobs und Fachberufen als in Spezialisten- und Expertenberufen. Grundsätzlich: Je höher das Qualifikationsniveau desto geringer das Risiko von Beschäftigten, von Maschinen abgelöst zu werden.

Gewinner-Branchen des Strukturwandels werden das Gesundheitswesen, die Pflegebranche, das Gastgewerbe und die häuslichen Dienste sein. Die Saar-Unternehmen werden aber in besonderem Maße Probleme haben, die richtigen Mitarbeiter zu bekommen. Es zeigt sich, dass lediglich jene Bundesländer die Nachfrage nach Pflege- und Gesundheitsleistungen decken können, in welchen die Zahl der Erwerbspersonen erhöht werden kann. Hier sind die Rekrutierungsschwierigkeiten vor allem auf das geringe berufsspezifische Angebot an Fachkräften zurückzuführen, sagt das IAB.

Gesundheitswesen, Wellness und Gastgewerbe die Gewinner im Saarland
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Zu den „nicht- medizinischen, Gesundheits- Körperpflege und Wellnessberufen, Medizintechnik“ zählen neben den examinierten Altenpflegern auch die Helferberufe in der Altenpflege und die Körperpflege. Hier hat neben Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern das Saarland die stärksten Rekrutierungsschwierigkeiten (Quelle: IAB).

Verluste an Einwohnern und Arbeitskräften bringt Probleme

Wie eine Region wirtschaftlich prosperiert und im Wettbewerb attraktiv wird, hängt von der Bevölkerungsentwicklung ab und ist damit eng verbunden mit der Entwicklung der Personen im erwerbsfähigen Alter, der 20- bis 65-Jährigen. Nur wenn genug erwerbsfähige Menschen im Saarland leben, kann eine gute wirtschaftliche Entwicklung der Region einsetzen. Umgekehrt kann eine ungünstige demografische Entwicklung für eine strukturschwache Region wie das Saarland zu einer schweren Last für ihre wirtschaftliche Entwicklung werden, sagt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR in seiner Raumordnungsprognose 2040.

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Zu den Erwerbstätigen zählen alle Personen, die als Arbeitnehmer (Angestellte, Arbeiter, Beamte) oder als Freiberufler und Selbständige bzw. als mithelfende Familienangehörige eine Erwerbstätigkeit ausüben. Das sind im Saarland Ende 2021 522.000, knapp 13.000 weniger als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind 385.000 Menschen. Hinzu kommen 82.000 Minijobber. 38.000 Menschen sind arbeitslos (Stand Dezember 2021).

Hohes Fachkräfteüberangebot bei Lehrern und Reinigungskräften

Die großen Verwerfungen in den Branchen verändern auch die Berufsaussichten der Saarländer. Bei einer Reihe von Fachberufen wird teilweise ein großer Engpass entstehen, bei anderen ein großes Überangebot. Die IAB hat dies nach Branchen konkretisiert.

Fachkräfte fehlen und der Arbeitsmarkt verändert sich

Im Saarland kommen zwei Entwicklungen zusammen, einerseits der dramatisch steigende Mangel an Fachkräften, andererseits die sich verändernde Struktur des Arbeitsmarkts. Inwieweit genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, hängt jedoch nicht nur davon ab, wie viele Personen in den Bundesländern wohnen, sondern auch, inwieweit die Bundesländer Arbeitskräfte durch Pendlerströme aus dem In- und Ausland gewinnen oder verlieren. Das sagt die Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftsbericht 2021 über das Saarland.

Saarland in der Großregion mit den höchsten Verlusten bei Erwerbspersonen

Zuletzt ein Blick mit der Interregionalen Arbeitsmarktbeobachtungsstelle (IBA) der Großregion über den Tellerrand des Saarlandes hinaus. Die demografischen Verwerfungen, insbesondere die Verluste beim Erwerbspersonenpotenzial, betreffen nicht alle Teile der Großregion in gleicher Weise. Nach den Voraussagen wird sich das Saarland im Hinblick auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2050 mit minus 21,4 Prozent in der kritischsten Situation befinden. Mit einem Plus von voraussichtlich 32,8 Prozent hat dagegen das Großherzogtum Luxemburg das größte Potenzial für Arbeitsuchende. Etwa 130.000 Erwerbsfähige wird Luxemburg mehr haben. Das ist in etwa so viel, wie das Saarland verlieren wird.

Bisher in der Saarlandinside-Serie „Wohin steuert das Saarland?“ erschienen:
200.000 Einwohner weniger: Wohin steuert das Saarland?

Einwohnerverlust: Wie die Landkreise schrumpfen

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