Saarländer sind die kränksten Deutschen

Die Saarländer erkranken häufiger, länger und schlimmer als die Menschen in anderen Bundesländern. Analysiert man die Daten und Berichte der Krankenkassen systematisch, ergibt sich in Sachen Gesundheit für das Saarland ein dramatisches Bild. Sie müssen weit häufiger in die Klinik und sie sterben früher. Gesundheitsreport Teil 1: Die Krankenakte unseres Bundeslandes.

Saarlandinside hat die Berichte und Statistiken der Krankenkassen und Gesundheitsbehörden ausgewertet. Herausgekommen ist: Die Saarländer sind bei Krebs im Bundesvergleich führend, bekommen am häufigsten Herzinfarkt, leiden unter Depression und Psychoerkrankungen wie sonst keine Deutschen und haben die höchsten Sterberaten. Insgesamt offenbaren die Daten der Krankenkassen, der Gesundheitsbehörden und des Statistischen Bundesamtes verbreitete gesundheitliche Schwächen und Anfälligkeiten der Menschen im Land. Hier eine Auswertung der wichtigsten Diagnose-Gruppen.

100.000 Saarländer zuckerkrank

Im Saarland leben die meisten Diabetiker der West-Bundesländer, 17 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt und mit dem stärksten Anstieg in den letzten Jahren (Quelle: BARMER Diabetes-Atlas 2020).  In der Generation 60 plus haben die Diabetiker 30 Prozent zugenommen (IKK).  100.000 Menschen im Saarland werden wegen Diabetes behandelt (BARMER und AOK Gesundheitsatlas Diabetes); das sind 10 Prozent der Bevölkerung. Hinzu kommen die unerkannten Diabetiker; deren Anteil wird auf 50 Prozent geschätzt (Kassenärztliche Vereinigung Saarland).

Ein Land in Atemnot

Die Saarländer haben unter den Westländern die höchste Rate bei Erkrankungen der Atemwege: 14 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Der Saarpfalzkreis und der Kreis St. Wendel zählen bundesweit zu Kreisen mit großer Atemnot; sie haben die meisten Krankmeldungen mit der Diagnose Erkrankung des Atmungssystems. (BARMER). Die Erkrankungsraten bei Asthma sind bei den Frauen zusammen mit Brandenburg, bei den Männern mit Nordrhein-Westfalen die höchsten (Robert Koch Institut, RKI). 45.000 Menschen im Saarland haben Asthma (AOK-Gesundheitsreport).

COPD, eine chronische Lungenerkrankung mit ständigem Sauerstoffmangel: Jeder zwölfte Saarländer ab 40 hat diese Lungenkrankheit (AOK-Gesundheitsatlas). Saar-Männer haben bundesweit die höchste COPD-Erkrankungsrate (RKI).

Den Saarländern geht vieles ans Herz

Die Kardiologen im Land haben alle Hände voll zu tun. Das zeigt sich im Bericht zu Herzerkrankungen in Deutschland. Erkrankungen der Herzkranzgefäße liegen im Saarland bei einer Inzidenz von 773 (pro 100.000 Einwohner). Das ist zusammen mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern der höchste Wert. Er liegt 25 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und 66 Prozent über Hamburg und Bremen. Im Saarland sind die Menschen in den Kreisen Saarlouis, Neunkirchen und Merzig-Wadern besonders stark von dieser Krankheit betroffen.

Mit Herzinfarkt werden nirgendwo so viele Menschen ins Krankenhaus eingeliefert wie im Saarland. Bei Herzklappenkrankheiten, Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz liegen die Erkrankungsraten im Bundesmittel (Deutscher Herzbericht). Immerhin überleben überdurchschnittlich viele Saarländer den Herzinfarkt. Bei den Todesfällen durch Herzinfarkt liegt das Land nur im Mittelfeld. Bei Tod durch Erkrankung der Herzkranzgefäße hingegen führt das Saarland mit den Ost-Ländern das Ranking an.

Saarländer trinken mehr und früher

Die Saarländer trinken über die Maßen. 2020 kamen wegen Erkrankungen durch Alkoholkonsum 5600 Jungen und Männer und 2000 Frauen und Mädchen ins Krankenhaus. Das Saarland liegt damit ein gutes Stück über dem Bundesdurchschnitt. Die Saarländer trinken auch früher. Hier leiden 50 Prozent mehr Jungen als im Bundesschnitt und 20 Prozent mehr Mädchen an psychischen und Verhaltensstörungen, die durch Alkohol bedingt sind. “Intelligenz säuft…”, sagt der Volksmund.  So konsumieren rund 62 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen mit hoher Bildung mindestens einmal in der Woche Alkohol, doppelt so häufig wie Menschen mit niedriger Bildung.  800 Krebstote sind ausschließlich alkoholbedingt  (Alkoholatlas 2022). Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Personenschäden unter Alkoholeinfluss liegt an der Saar 30 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. 

Höchste Inzidenzen bei Darm-, Lungen- und Lymphdrüsenkrebs

Bei Krebserkrankungen bei Männern belegt das Saarland zusammen mit Hamburg und Schleswig-Holstein einen traurigen Spitzenplatz. bei den Frauen steht das Saarland nach Sachsen-Anhalt auf Platz 2 (siehe Grafik). Auffälligkeiten: Sowohl bei Darmkrebs und bei Lymphdrüsenkrebs haben die saarländischen Frauen die höchste Inzidenz, die Männer die zweithöchste.

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Unerfreuliche Spitzenplätze belegen die Männer insbesondere beim Lungenkrebs und bei Gallenkrebs (Platz 1), bei Darm- und Kehlkopfkrebs (Platz 2). Über die auffallend hohe Lungenkrebs-Rate hatte SAARLANDINSIDE hier bereits berichtet. Gynäkologische Auffälligkeit: Bei Krebs an Vulva (Platz 2), Gebärmutterhals (Platz 3) und Gebärmutter (Platz 1) haben die Saar-Frauen mit die höchsten Erkrankungsraten in Deutschland (RKI). Insgesamt sind im Saarland 2017/2018 jährlich etwa 8.500 Männer und Frauen an Krebs erkrankt, etwa 3.200 daran gestorben.

Lesebeispiel: Die saarländischen Frauen haben eine Krebserkrankungsinzidenz von 390 (von 100.000 Einwohnern). Bezogen auf die Einwohnerzahl ergeben sich 3.900 Krebskranke. Die Sterblichkeit hat eine Inzidenz (je 100.000 Einwohner) von 134. Bezogen auf 1 Million Einwohner heißt das: Im Saarland waren bis 2018 pro Jahr 1.340 Frauen an Krebs gestorben. Quelle: RKI Krebs in Deutschland.
Immer häufiger „Rücken“

Noch nie haben Beschäftigte aus dem Saarland wegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems öfter im Job gefehlt als im Pandemiejahr 2020. Zusammen mit Rheinland-Pfälzern und Niedersachsen leiden die Saarländer am meisten darunter. Sie hatten unter den Westländern die meisten Fehltage. (BARMER). Im Bundesvergleich verzeichnete das Saarland die stärkste Steigerung. Knapp ein Viertel aller Fehltage gehen hierzulande auf „Rücken“. Das Saarland hat auch den stärksten Anstieg bei verordneten Physio- und Ergotherapien (Heil- und Hilfsmittelreport BARMER von Prof. Daniel Grandt, Klinikum Saarbrücken).

Schlafloses Saarland

Die Saarländer gehören im Bundesvergleich zu den am meisten von krankhaften Ein- und Durchschlafstörungen, Albträumen und Nachtangst Betroffenen. Jede vierte Erwerbsperson leidet darunter, doppelt so viele wie zum Beispiel in den ostdeutschen Bundesländern (BARMER Gesundheitsreport 2019 Schlafstörungen). Besonders betroffen sind Beschäftigte im Schichtdienst, Leiharbeiter, Arbeitnehmer in Zeitverträgen und in Callcentern. Seit 2005 sind die krankhaften Schlafstörungen im Saarland um 36 Prozent gestiegen.

Die meisten Psycho-Kranken der Republik

Den höchsten Krankenstand hat das Saarland bei psychologischen Erkrankungen. Die Krankenkassen melden einen Anstieg um 60 Prozent gegenüber den Nuller Jahren. SAARLANDINSIDE hatte darüber berichtet. Im Jahr 2020 waren fast 30 Prozent mehr Menschen psychokrank als im Bund (BARMER). Auch die Inzidenz der Todesfälle durch psychische und Verhaltensstörungen ist im Saarland um 20 Prozent höher und damit bundesweit die höchste. Bei den Saar-Frauen ist Depression Krankheit Nummer Eins. Der Landkreis Neunkirchen und der Saarpfalz-Kreis gehören zu den zehn depressivsten Landkreisen Deutschlands. Übrigens benötigen immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene eine Psychotherapie (BARMER).

Immer häufiger der Darm in Aufruhr

Rund 15.000 Menschen – anteilsmäßig so viele wie in keinem anderen Bundesland –  leiden hierzulande unter einem Reizdarm (Arztreport BARMER). Bei Erkrankungen des Verdauungssystems (ohne Krebs) steht das Saarland in der Todesursachenstatistik mit Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ganz oben.

20 Prozent mehr Patienten in den Krankenhäusern

Die hohe Krankheitsanfälligkeit der Frauen und Männer schlägt sich auch in der Krankenhausstatistik nieder. Das saarländische Gesundheitsministeriums hat die Krankenhausaufenthalte der im Saarland Wohnhaften analysiert. Ergebnis: In keinem Bundesland legen sich die Kranken so häufig in die Klinik wie im Saarland. In fast allen Diagnose-Gruppen liegen die Fallzahlen mit 20 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt, einzige Ausnahme die Innere Medizin. Zur Veranschaulichung: Bezogen auf 1 Million Einwohner legen sich im Saarland 48.700 mehr Menschen ins Krankenhaus als in Rheinland-Pfalz.

Hohe Sterberaten

Das Saarland weist nach Sachsen und Sachsen-Anhalt die meisten krankheitsbedingten Sterbefälle pro 100.000 Einwohner aus, 20 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt und 40 Prozent mehr als Hamburg beispielsweise. Hierzulande sterben 30 Prozent Menschen mehr an Krebs der Atemwege und der Lunge, 20 Prozent mehr an den Folgen von Drogen und Alkohol und 55 Prozent mehr an Krankheiten am Urogenitalsystem (Statistisches Bundesamt 2020).

Unterdurchschnittliche Lebenserwartung

Auch mit der Lebenserwartung sieht es für die Saarländer nicht gut aus. Im Ländervergleich haben nach den aktuellen Sterbetafeln weiterhin Mädchen im Saarland mit 82,3 Jahren bundesweit die niedrigste Lebenserwartung, zwei Jahre weniger als Baden-Württembergerinnen. Die jungen Saarländer können mit 77,6 Jahren rechnen. Nur die Jungen aus Sachsen-Anhalt (76,5 Jahre), Mecklenburg-Vorpommern (76,9) und Bremen (77,3) sterben früher.

Das Land mit den meisten Behinderten

Das Saarland hat nach Mecklenburg-Vorpommern den höchsten Schwerbehinderten-Anteil an der Gesamtbevölkerung. Etwa 110.000 Männer und Frauen haben körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen, die sie an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft längere Zeit hindern können. Zum Vergleich: Das sind 40 Prozent mehr als in Rheinland-Pfalz (Gesundheitsberichterstattung des Bundes).

Hinweis: In diesem Bericht hat Saarlandinside die reinen Fakten aus relevanten Studien und Reports von Gesundheitsbehörden und Krankenkassen zusammengetragen. Die Ergebnisse sind dramatisch. Die zentrale Frage aber lautet: Wie können  Krankenkassen und Politik das Land und seine Menschen aus dieser Misere wieder herausbringen? Welche Maßnahmen schlagen Mediziner und Gesundheitsexperten vor? Darüber wird Saarlandinside in einer Artikel-Serie berichten.

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Quellen:
Robert-Koch-Institut: Gesundheit in Deutschland 2015 (letzte Ausgabe)
Robert-Koch-Institut: Krebs in Deutschland 2021
Robert-Koch-Institut: Krebsdaten online
Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes
IKK Gesundheitsbericht Saarland 2021
AOK Gesundheitsbericht Saarland 2019
Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO) Gesundheitsatlas Deutschland
BARMER Gesundheitsreport Saarland 2018
BARMER Gesundheitsreport 2021
BIfG BARMER Institut für Gesundheitsforschung: Morbiditäts- und Sozialatlas 2022
DAK Gesundheitsreport 2022 für das Saarland
Deutsche Herzstiftung: Deutscher Herzbericht 2021       
Destatis: Todesursachen. Sterbefälle nach ausgewählten Todesursachen und Bundesländern 2020. Inzidenzen
Saarländisches Ministerium für Gesundheit: Gutachten zur Vorbereitung des Krankenhausplans 2018-2025