Eine Satire über ein Land, das sich selbst nicht gesund kriegt.
Prolog: Ein Land im Dauerkränkeln
Müdland war ein kleines Land, das sich selbst für groß hielt, weil es auf der Landkarte immerhin einen eigenen Namen hatte. Die Müdländer waren freundlich, höflich – und chronisch erschöpft. Sie litten an allem, was man haben konnte, und an vielem, was man nicht haben sollte.
Die Gesundheitsdaten waren legendär: höchste Krankheitsquote der Republik, längste Krankmeldungen, der größte Anteil psychisch erschöpfter Bürger – besonders im öffentlichen Dienst, wo Erschöpfung als „Grundkompetenz“ galt. Dazu die niedrigste Lebenserwartung, die geringste Fahrradnutzung und die niedrigste Lebensfreude pro Quadratmeter. Und natürlich: der höchste Pro‑Kopf‑Verbrauch von Zucker, Fett und Ausreden.
Die Müdländer sagten: „Wir sind nicht krank. Wir sind nur… sehr, sehr müde. Wir sind halt so. Andere Länder haben Berge und Seen, wir haben Funktionsversagen.“
Der Mann, der Prävention predigte
Im Zentrum der Hauptstadt Schlappstadt residierte das Ministerium für Prävention, Wohlbefinden und Sonstige Unwahrscheinlichkeiten. An seiner Spitze saß Schorsch Schwerlich, ein Mann mit einem Umfang, der in Müdland als „ansehnlich“ galt und in anderen Ländern als „statistisch relevant“. Wenn der Müdland-Minister auftrat, wirkte er oft erschöpft oder mental überlastet, so als hätte er die Präventionspolitik für sich schon aufgegeben. Sein privates Motto lautete: „Prävention beginnt im Kopf – und endet meistens im Kühlschrank.“
Der Krankenkassenchef: Ein Rufer in der Wüste
Der Chef der Krankenkasse IKK Müdfit, Vitalius Kraftmann, war ein Mann, der jeden Morgen aufstand, um Müdland gesünder zu machen – und jeden Abend feststellte, dass Müdland nicht gerettet werden wollte. Er hielt Pressekonferenzen, in denen er sagte: „Wir brauchen Prävention!“ „Wir müssen früher ansetzen!“ „Wir müssen die Menschen erreichen!“
Die Müdländer hörten zu, nickten – und gingen danach direkt zum Bäcker, um sich einen „Schokoplunder“ zu holen, ein Gebäck mit 60 Prozent Zucker, 30 Prozent Fett und 10 Prozent Hoffnungslosigkeit.
Kraftmann verzweifelte. „Wir müssen handeln!“, rief er. „Wir müssen investieren!“
Das Ministerium sagte: „„Wir haben leider kein Budget. Aber wir können Stofftaschen mit dem Aufdruck ‚Müdland lebt gesund‘ verteilen.“
Die Sportlehrer: Die letzten Idealisten Müdlands
Die Sportlehrer Müdlands waren eine aussterbende Spezies. Man erkannte sie daran, dass sie schneller gingen als der Durchschnittsmüdländer – ein Verhalten, das im Land als „radikal“ galt.
Sie forderten: mehr Sportunterricht, Schwimmbäder, bessere Ausstattung, weniger Ausreden und dass Kinder nicht schon in der dritten Klasse über Burnout klagten.
Das Ministerium antwortete: „Wir verstehen Ihre Anliegen. Aber wir müssen Rücksicht auf die Belastbarkeit der Kinder nehmen. Bewegung könnte sie überfordern.“
Die Sportlehrer seufzten. Sie hatten schon viel erlebt, aber Müdland übertraf alles.
Die Zuckersteuer‑Farce
Eines Tages schlug ein Abgeordneter vor, eine Zuckersteuer einzuführen. „Wir müssen etwas tun!“, rief er. „Die Menschen essen zu viel Süßes!“
Die Müdländer waren empört. „Eine Steuer auf Zucker?“, riefen sie. „Was kommt als Nächstes? Eine Steuer auf Müdigkeit?“
Die Opposition war ebenfalls dagegen – aber aus Prinzip. „Wir lehnen alles ab, was die Regierung vorschlägt“, sagten sie. „Auch wenn wir es selbst vorgeschlagen hätten.“
Die Debatte dauerte drei Monate. Am Ende beschloss man, eine Studie zu beauftragen. Die Studie kam zu dem Ergebnis: „Zucker macht dick.“
Das Ministerium war schockiert. „Damit konnte niemand rechnen“, sagten sie.
Das Süßwarenverbot an Schulen: Der große Aufstand
Die Kommission für Jugendgesundheit schlug vor, Süßigkeiten in Schulkiosken zu verbieten. Die Kinder reagierten sofort. Sie gründeten die Widerstandsbewegung „Freie Schokolade für freie Schüler“.
Die Eltern unterstützten sie: „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder hungern. Ohne Zucker können sie sich nicht konzentrieren.“
Die Lehrer waren gespalten. Einige sagten: „Endlich! Weniger Zucker, weniger Chaos!“ Andere sagten: „Wenn die Kinder keinen Zucker bekommen, schlafen sie im Unterricht ein.“
Die Regierung gab nach. Das Verbot wurde aufgehoben. Stattdessen führte die Kultusministerin ein neues Fach ein: „Zuckerkompetenz“.
Schorsch Schwerlichs und Will Wursters Präventionsoffensive
Schwerlich beschloss, dass Müdland eine große Präventionskampagne brauchte. Sie hieß: „Müdland bewegt sich – irgendwann“. Er gründete einen Präventionsrat, mehrere Arbeitskreise und sogar einen Verein, der sich selbst verwaltete.
Gemeinsam mit seinem Ministerkollegen Will Wurster präsentierte er die Kampagne. “ Zu zweit hat man mehr Gewicht,“ sagten sie. Wurster, zuständig für Landwirtschaft, Lebensmittelkultur und Leibesübungen, war berühmt für seine Events „Will am Grill“. Sogar syrische Flüchtlinge wurden im Landesaufnahmelager damit begrüßt – „damit sie gleich wissen, wie Müdland schmeckt“.
Wurster liebte Fleischwurst. Sein Ministerium finanzierte gemeinsam mit der Landesinnung der Metzger sogar einen europäischen Markenschutz für den regionalen Ringel. Er war der einzige Ernährungsminister der Welt, der während Pressekonferenzen über gesunde Ernährung Fleischwurst kredenzte.
Die Kampagne bestand aus Plakaten („Beweg dich ein bisschen – aber nicht zu viel“), einem Imagefilm („Menschen, die sich bewegen wollen, aber keine Lust haben“), einem Präventionsgipfel („Wir müssen mehr tun – später“), einem Präventionsbeauftragten (krank nach zwei Wochen) und einem Präventionssong („Ein bisschen gehen“).
Schwerlich brauchte noch einen Producer für den Imagefilm. Er rief Max Mertens beim Sender an, bekannt, beliebt, immer gut drauf. Max hörte zu – und lehnte ab: „Lieber Schorsch, ich muss in drei Jahren vielleicht über deine Präventionspolitik berichten. Da kann ich heute kein Geld von dir annehmen!“
Schwerlich fand schließlich einen anderen Reporter, der weniger Skrupel hatte.
Müdland wacht auf – ein bisschen
Eines Tages wurde Müdland so müde, dass es selbst den Müdländern auffiel. Kliniken überfüllt. Krankenkassen überfordert. Ärzte erschöpft. Fachärzte monatelang ausgebucht.
Vitalius Kraftmann trat vor die Kameras: „Wir haben alles versucht. Wir haben geredet. Wir haben gewarnt. Wir haben appelliert. Aber Müdland ist… Müdland.“
Die Müdländer sahen sich an. Ihre Kinder. Ihre Zukunft. Und zum ersten Mal dachten sie: „Vielleicht sollten wir etwas ändern.“
Epilog: Müdlands kleine Revolution
Es begann ganz leise. Ein Mann ging zu Fuß zum Bäcker. Eine Frau kaufte eine Gurke. Ein Kind machte einen Purzelbaum. Ein Lehrer ließ die Klasse fünf Minuten laufen. Ein Beamter nahm die Treppe. Ein Abgeordneter trank Wasser. Es war nicht viel. Aber es war ein Anfang.
Müdland ist nicht gesund. Noch lange nicht. Aber es ist ein bisschen wacher geworden. Und das ist mehr, als man früher sagen konnte. Schorsch Schwerlich ist immer noch Präventionsminister und Will Wurster frönt immer noch der Fleischwurstlust. Sie halten immer noch Reden. Sie essen immer noch belegte Brötchen und Schokoriegel. „Wir müssen doch authentisch sein,“ sagten Schwerlich und Wurster. „Authentizität ist wichtig.“
Aber manchmal – ganz selten – nimmt Schorsch Schwerlich einen Salat. Und das ist in Müdland fast schon eine Revolution.
