Wenig Information, hohe Gehälter, keine Kontrolle: Der Reformbedarf beim SR

Wie alle ARD-Anstalten steht der SR unter enormem Reformdruck. Ziel: Für die 140 Millionen Euro Rundfunkbeitrag der Bürger muss er effizienter arbeiten. Was sich ändern muss, damit der SR seine Legitimation nicht ganz verliert und Vertrauen zurückgewinnt.

Der SR muss effizienter wirtschaften und sein Programm verbessern
Der SR steht wie alle ARD-Häuser heute an einem Punkt, an dem die Nutzer – das ist die gesamte Gesellschaft – Transparenz über Strukturen, Sendeauftrag und Kosten fordern. Der Gesetzgeber macht Druck, teure und schwerfällige Mehrfachstrukturen zu beseitigen. Zurück zum Kernauftrag Information und Bildung, so die Devise. Das soll Relevanz und Akzeptanz der Gesellschaft zurückbringen. Bis Ende dieses Jahres sollen die Sender ihre Konzepte vorlegen. Einige Bundesländer haben schon gehandelt. So schreibt die neue SPD-/CDU-Landesregierung von Brandenburg im neuen Koalitionsvertrag zur Medienpolitik fest, dass der rbb sich auf die Kernaufträge Information, Bildung und Kultur konzentrieren soll und dass er mehr landesrelevante Themen aufgreifen soll.

Der SR lässt erstmal seine Strukturen von externen Gutachtern untersuchen und verkauft den Intendantensitz Schloss Halberg. Intendant Martin Grasmück, der im Juni wieder gewählt werden will, und Personalratschefin Moschgan Ebrahimi steuern das Projekt. Zweifel sind angebracht, ob der SR und seine Aufsichtsgremien ernsthafte Veränderungen überhaupt zulassen. Das externe Gutachten solle sich auf Zuständigkeiten und Personalentwicklung beschränken, so die Vorgabe. So blockiert der SR-Personalrat das Thema Stellenüberprüfung. Dies lässt für eine systemische Reform wenig brauchbare Gutachterergebnisse erwarten.

Martin Grasmück im Joke-Interview. Der Intendant äußerte sich in der Vergangenheit gerne mal zu den Saarlodris als Kulturträger des Saarlandes. Bei Fragen zur Qualitätsstrategie des Senders war eher unauffällig. Foto: Youtube

REFORMAUFTRAG: die demokratischen Grundversorgung garantieren
Der SR wurde vor 70 Jahren gegründet, um die Saarländer unabhängig von den Herrschenden mit Information, Bildung, Kultur und Unterhaltung zu versorgen. Er soll freie, individuelle und öffentliche Meinungsbildung bewirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft erfüllen (Medienstaatsvertrag). Der SR soll für das Saarland die demokratische Grundversorgung gewährleisten:
▪ die politischen Prozesse transparent machen,
▪ Entwicklungen im Gemeinwesen begleiten,
▪ kritisch kontrollieren,
▪ pluralistische Debatten ermöglichen,
▪ regionale Öffentlichkeit sichern,
▪ Wissen vermitteln.

Dieser Anspruch aber ist auf dem Halberg zwar nicht in den Leitlinien aber in der Praxis seit Jahren dahingeschmolzen wie die Gletscher in der Klimakrise. Rundfunkrat, Programmbeirat und Verwaltungsrat sollen die Qualität des Programms überwachen, haben aber alles schleifen lassen. Insgesamt bietet der SR im Sinne seines Verfassungsauftrags ein dürftiges Programm: Information und Bildung als Minimalangebot, der tägliche Nachrichtenstrom verknappt und häufig ohne Einordnung und Hintergrund. Magazine haben die Programmmacher zusammengestrichen.

Bedürfnis nach Informationen statt nach Emotionen wecken
Der Aktuelle Bericht und die wenigen selbst produzierten TV-Angebote wirken wie „ein Kessel Buntes“. Soft-Themen und Unterhaltung sind Trumpf. Im Radio laufen sie als „Klangteppiche“ und „Stimmungsaufheller“ für das Bundesland mit den meisten Depressionskranken. Auch der reichweitenschwache SR2 fällt zuhörends der Leichtigkeit anheim. Insgesamt dürften etwa 80 Prozent der Mitarbeiter- und Finanzressourcen für triviale Unterhaltung draufgehen. Was SR1 und SR3 täglich an relevanten Informationen (ohne Wiederholungen, ohne Wetterberichte und Blitzermeldungen) senden, würde wohl gedruckt auf zwei Seiten der Saarbrücker Zeitung Platz finden.

SR mit vergleichsweise geringer Reichweite
Das Mantra des SR heißt, wie bei den privaten Sendern auch, „Reichweite“ und „Quote“. Während die Privaten damit auf höchstmögliche Werbeeinnahmen zielen, will der SR seine Relevanz nachweisen. Die ARD-Statistik nennt für die SR-Wellen 486.000 Hörer täglich. Im Vergleich: Der andere ARD-Kleinsender Radio Bremen erreicht 736.000 Hörer, weil er trotz des mächtigen NDR weit über Bremen hinaus gehört wird. RB hat also 50 Prozent mehr Hörer als der SR. Und: Erreicht dies mit etwa 20 Prozent weniger Personal. Es stellt sich die Frage, in welchem Maße der SR überpersonalisiert ist.

Anspruchslosigkeit wird Treiber für Reichweite
Das Kriterium Reichweite ist ein zweischneidiges Schwert. Was nutzt das Werben um Hörerschaft, wenn es mittels niederschwelligen Programms und sinnfreier Gute-Laune-Moderation erzwungen werden soll? Anspruchslosigkeit wird so zum Treiber für Reichweite. Ein Nachweis für Qualität ist sie jedenfalls nicht.

Auch auf Social Media bietet der SR viel Unfug. Journalismus, der sich auf Facebook & Co austummelt, dort, wo alle irgendetwas ablassen und posten, ist Larifari. Larifari macht der SR aber schon mit seiner 20-Prozent-Beteiligung an Radio Salü, zum Verwechseln ähnlich mit SR1. Es ist wie beim Steine hüpfen lassen am Wasser: Je flacher und kräftiger man den Kiesel schleudert, desto weiter reicht seine Flugbahn.

Der SR auf Social Media: Der Großteil der SR-Deins-Posts beschäftigt sich mit Softem und Seichtem: Lyoner, Schwenker, Maggi, Tiervideos und Platt schwätze. Damit wird von relevanten Themen abgelenkt. Screenshots: Facebook

Die schleichende Abwärtsspirale
Dieses Abtriften vom öffentlich-rechtlichen Kurs geschieht in unterschiedlicher Ausprägung in der gesamten ARD. Der Rat für die zukünftige Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Zukunftsrat) beschreibt die Entwicklung als

„Abwärtsspirale, (…) schleichend auch mit weniger Substanz. (…) Das macht das System auf Dauer kaputt.“

SR mit geringstem Informationsangebot im ARD-Hörfunk
Das reduzierte Informations- und Bildungsangebot schlägt sich auch in der ARD-Statistik nieder. Danach hat der SR mit etwa 860 SR-Mitarbeitern (inklusive Anteil am Orchester und den Töchtern Werbefunk Saar und Globe TV) mit 22 Prozent das niedrigste Informationsniveau, gemessen mit dem Wortanteil an seiner gesamten Sendeleistung. Selbst die Redakteure des Kleinstsenders Radio Bremen, der inklusive Produktionsfirma Bremedia mit knapp 20 Prozent weniger Personal (700 Mitarbeitern) auskommt, bringen bei gleicher Sendeleistung 20 Prozent mehr Beiträge über die Mikros. Um auf den ARD-Durchschnitt zu kommen, müssten die SR-Reporter und Redakteure 60 Prozent mehr für die demokratische Grundversorgung im Saarland leisten. Soweit die quantitative Analyse.

REFORMAUFTRAG: mehr Qualitätsjournalismus
Ihren gesetzlichen Auftrag der Information und Bildung beschränken die SR-Medienarbeiter tendenziell auf Berichterstattung über Ereignisse und Pressetermine, Umformulieren von Pressemitteilungen und Agenturmeldungen. Zu häufig fehlt die Einordnung, warum, mit welchem Hintergrund und Interessen etwas passiert. Vor allem in den Zirkeln der Politik-Kommunikation gilt systematisches Nachfragen und Hinterfragen – ein Verfassungsauftrag der Presse – als unfein. Dies hängt auch damit zusammen, dass im Saarland Journalismus und Politik eng verquickt sind. Man könnte meinen, der SR sei verstaatlicht. Es hat sich eine Art nacherzählende Offizial-Berichterstattung herausgebildet. Aber Nacherzählen ist kein Journalismus. (➡️ Siehe Link zum Hintergrundbericht unten).

Journalisten sollen mehr sein als Sprachrohr der Politik
Was die Redakteurin der Saarbrücker Zeitung, Aline Papst, im „Medium Magazin“ für ihren Arbeitsschwerpunkt Klimaschutz formuliert, lässt sich auf große Teile der Presse übertragen.

„Oft lese ich Artikel, bei denen mir die Einordnung fehlt. Dass (…) Behauptungen von Politikern mitgeschrieben werden und gar nicht nachgeprüft wird, ob das stimmt (…), sehe ich sehr kritisch. Dafür kann die Politik heute die sozialen Medien nutzen. Wir Journalisten sollten dagegen mehr sein als ein Sprachrohr der Politik – sonst verlieren wir unsere Daseinsberechtigung.“ Quelle: Medieninfodienst MDR-Altpapier vom 7.11.2025

„Qualitätsjournalismus“ des Kernauftrags umsetzen
Die Strategie der Öffentlich-Rechtlichen opfert den einordnenden Journalismus mit Relevanz, Analyse und Hintergründen, der den Mediennutzern mehr Orientierung gäbe, der leichten Unterhaltung. Es wäre zu untersuchen, in welchem Maße auch der SR am großen Frust mit der Politik und an der Verrohung des demokratischen Diskurses in der Gesellschaft mit verantwortlich ist. Inhaltsschwache Dauerbeschallung Medien schreiben sich gerne eine Art Wächterfunktion zu. Studien haben nachgewiesen, dass in Regionen mit wachsamen Journalisten seltener Skandale und Machtmissbrauch geschehen. Die Millionen-Schmuddeleien um die Neunkircher Verkehrsbetriebe und den Landessportverband lassen grüßen. Unterm Strich: Der SR muss sich inhaltlich neu aufstellen.

REFORMAUFTRAG: nach der Demokratie-Leistung entlohnen  
Die SR-Mitarbeiter verdienen vorzüglich. Die Tarifgehälter beim SR liegen bis zu 30 Prozent über denen des öffentlichen Dienstes, bei gleichwertigen Aufgaben (➡️ Siehe Link zum Hintergrundbericht unten). Das ist doppelt so viel wie die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs im ÖRR) für den ÖRR-Durchschnitt ermittelt hat. Auch die 14 leitenden Angestellten der Führungsetage sind mit Sonderverträgen und hohen Pensionserwartungen gut gepolstert. Sie liegen in der Gehaltsklasse der acht saarländischen Staatssekretäre und höher.

250.000 Honorar Euro für vergnügliche Stunden
Wie viel die leichte Unterhaltung dem SR wert ist, zeigt das Beispiel des Gute-Laune-Spenders Michael Friemel. Der Unermüdliche liefert Beiträge und Moderationen am Band, schmeißt SR-Events, geht viel auf Reisen und vergnügt sich mit allerlei sonstigem Kokolores und Kalaumes. Wahrlich keine öffentlich-rechtliche Spitzenleistung. Friemel soll dafür schon mal etwa eine Viertel Million Euro Honorar im Jahr bekommen haben, wie Saarlandinside von einer glaubwürdigen Quelle aus der oberen Etage des SR erfahren hat. Er wäre der mit Abstand bestbezahlte Mitarbeiter auf dem Halberg. (➡️ Siehe Link zum Hintergrundbericht unten).

E liewer Kerl, der Michael Friemel, hier bei der Aktion „Tannenfriemel“. Die Späßchen und Spektakel des „Gute-Laune-Beauftragten“ lässt sich der SR viel kosten. Das soll Quote und Reichweite schaffen. Für die SR-Führung ist dies ein Qualitätsnachweis.  Foto: Facebook

REFORMAUFTRAG: Qualitäts-Controlling für 147 Millionen Euro Ausgaben
Manche ARD-Sender haben jahrelang mit den Gebühren ihrer Kunden geaast, wie diverse Skandale zeigen. Seitdem stehen Transparenz und Effizienz im Fokus. Auch beim SR steigt der Druck, Strukturen offenzulegen, Kosten zu senken und interne Kontrollmechanismen zu verbessern.

Im Jahresbericht des Landesrechnungshofs (RH) steht der SR damit aber als Ausfall da. Die Prüfer fanden heraus, dass lediglich ein Finanzcontrolling existiere, heißt: Das Buchhaltungssystem ist so weit in Ordnung. Die Prüfer freundlich:  

Da der SR als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt vorrangig den rechtlich definierten Auftrag zu erfüllen hat, reicht (…) ein vorwiegend an den Finanzmitteln ausgerichtetes Controlling nicht mehr aus.

Der RH-Bericht weiter:

Explizit fehlt es dem SR an einer zentralen, koordinierenden Controlling-Stelle, wo finanzielle und nicht-finanzielle Daten aus allen Teilbereichen systematisch erfasst, verknüpft und ausgewertet werden.

Ein freundlich formulierter Hinweis, dass beim SR das Qualitätscontrolling fehlt:
▪ Wie erfüllt der SR seinen rechtlichen Auftrag und gibt es dazu überprüfbare Ziele und Kriterien?
▪ Sind die Programminhalte im Hinblick auf die rechtlichen Vorgaben geeignet?
▪ Werden Finanzen, Personal und Technik wirtschaftlich und sparsam eingesetzt?
▪ Stimmt das Verhältnis von Aufwand und Ergebnis?
▪ Werden Mittel eingesetzt, die tatsächlich erforderlich sind?

Fazit: Höchste Zeit, dass der Rechnungshof nach vielen Jahren in den Betrieb auf dem Halberg eingreift und die effiziente Kontrolle über die Verwendung von 140 Millionen Euro Rundfunkbeiträgen verlangt. Auch für den SR gelten die Grundsätze der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit. Der SR kann zurzeit nicht nachweisen, ob er sie erfüllt.

Es sind Zweifel angebracht, ob es mit der Leichtigkeit des Geldausgebens bald vorbei sein wird. Dafür ist der Auftrag an die Gutachter zu sehr eingeschränkt. Sie dürfen nicht analysieren, inwiefern der Sender sein Kerngeschäft „demokratische Grundversorgung des Landes“ umsetzt. Der Intendant, der für seine Wiederwahl keinen Ärger gebrauchen kann, und der übermächtige SR-Personalrat haben das so eingerichtet. So lange der SR aber das öffentliche Interesse auf Nebensächlichkeiten wie den Verkauf von Gebäuden lenkt, wird er keine Qualität und kein verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Infos: Der SR und der Rundfunkbeitrag
Die Ausgaben 2026 belaufen sich auf 147 Millionen Euro. Der SR nimmt an Rundfunkbeiträgen zwar nur 90 Millionen Euro aus dem Saarland ein. Die Lücke decken Zuschüsse anderer ARD-Sender mit 50 Millionen Euro und andere Einnahmen, wie zum Beispiel der 90-Prozent-Zuschuss von der ARD-Tochter Degeto (1,6 Millionen Euro) zum jährlichen Tatort.

Quellen:
Agora – Studie „Dialogfunktion von Public Service Media“ Impulse zur digitalen Verantwortung der Öffentlich-Rechtlichen und der Medienpolitik

Der SR lässt sich checken, Ver.di 16.2.26

Rechnungshof des Saarlandes: Jahresbericht 2024, Seiten 196 ff

ARD-Hörfunknutzung: ma Audio 2025 II

Artikel ergänzt am 19.3.26

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