Hütten, Bergwerke und hohe Krebsraten im Saarland

Die Montanindustrie stößt große Menge Schadstoffe aus und hinterlässt hunderttausende Tonnen gesundheitsgefährdender Altlasten. Am 20. Juni entscheidet außerdem das Oberverwaltungsgericht, ob die Ruhrkohle AG (RAG) die mit Sondermüll gefüllten Grubenstollen fluten und direkt in die Saar spülen darf. Die saarländische Regierung sieht offensichtlich keinen Handlungsbedarf.  Ist die Verknüpfung der Landesregierung mit den Verursachern zu eng? Saarlandinside-Gesundheitsreport IV.

Kohle und Stahl haben dem Saarland Wohlstand gebracht. Sie haben aber auch über Jahrhunderte der Landschaft und den Menschen schwere Umwelt- und Gesundheitsschäden zugefügt. Die Gruben sind lange dicht und irgendwann wollen die Hütten klimafreundlich pure Steel, CO2-freien Stahl, produzieren. Die Politik hat auch seit den 80er Jahren mit zahlreichen Gesetzen dafür gesorgt, dass Unternehmen mit Schadstoffen und Giften sorgsamer umgehen.

Dennoch: Ein Problem bleiben die Hinterlassenschaften der Montanindustrie. Millionen Tonnen Abraum, Abfälle und Abwässer wurden auf Halden und Müllkippen im Land entsorgt, im Boden versenkt, in die Flüsse eingeleitet und werden es teilweise heute noch. Was dies für die Gesundheit der Saarländer und die Umwelt bedeutet, können auch Fachleute nicht genau einschätzen.

Hunderttausende Tonnen Gift auf Halden und Altflächen

Das Landesamt für Umweltschutz, damals LfU, versucht seit den 80er Jahren, Daten über die Sondermüllentsorgung bei Kohle und Stahl zu erfassen. Allein für die Halden der Hüttenwerke haben die staatlichen Aufseher damals schon Millionen Tonnen von Problemmüll notiert, insbesondere
● 70.000 Tonnen Schlacke mit hohen Konzentrationen an auslaugbaren Salzen und Cyaniden,
● mehrere 10.000 Tonnen Filterstäube mit hoher Schwermetallkonzentrationen,
● 15.000 Tonnen Säuren,
● tausende Tonnen blausäurehaltiger Gasreinigermasse aus den Kokereien.

Die montanen Hinterlassenschaften liegen zum Großteil heute noch übers Land verteilt. Auch mehrere Grubenanlagen bergen Gift im Grund, soweit die Flächen nicht für eine wirtschaftliche Nutzung saniert worden sind. Über die meisten verseuchten Areale hat die Ruhrkohle AG (RAG) als Saarberg-Nachfolger inzwischen Gras wachsen lassen oder Renaturierungsmaßnahmen mit Naturschutzverbänden finanziert. Oben Grün, unten Gift.

Umweltministerium verweigert Auskünfte über Altlasten

Das Altlastenkataster der „Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz“ führt für das Saarland 4.217 Altablagerungen und Altstandorte auf. Laut Definition besteht bei ihnen der Verdacht schädlicher Bodenveränderungen oder sonstiger Gefahren für den Einzelnen oder die Allgemeinheit. 702 Flächen sind im Kataster als Altlasten klassifiziert und nur 162 saniert (Stand Juli 2022). Saarlandinside hat das Umweltministerium um Angaben über die Lage und das Gefährdungspotenzial der Altlasten gebeten. Das Ministerium hat diese mit dem Hinweis auf Datenschutz verweigert.  

Die zwei Seiten des Bergbaus: Das Saarpolygon auf der Halde Ensdorf als Traditionsdenkmal. Daneben (Fotomontage) die Solidaritätsschleife gegen Krebs als Symbol für Long-Bergbau-Erkrankungen.  Foto Saar-Polygon: Alexander Fox | PlaNet Fox I 
Hinweise auf lokale Giftquellen am Beispiel PCB-Kataster

Wichtige Hinweise über gesundheitsgefährdende Altlasten gibt das PCB-Kataster des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA). Darin enthalten sind auch 893 Flächen mit PCB-Verseuchung und möglichem Gefährdungspotenzial. Zur Größenordnung: Saarberg soll zwischen 1979 und 1983 mit mehr als 1.500 Tonnen PCB-Ölen über- und untertage hantiert haben. Dies wurde in einer Landtagsdiskussion bekannt. Wie viel insgesamt in Boden und Gewässer eingebracht wurden, niemand weiß das. Eine Schwäche des PCB-Katasters: Es beinhaltet keine eigenen Untersuchungen, sondern nur freiwillige Angaben von Behörden, öffentlichen Betrieben, RAG und Saarhütten. PCB steht für polychlorierte Biphenyle. Nach deutschem Gefahrstoffrecht ist PCB reproduktionstoxisch, das heißt, es kann die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und ist als krebserzeugend eingestuft.

Wohin sind die 500.000 Tonnen PCB-Sondermüll verschwunden?

So stellt das Kataster fest, dass die meisten ehemaligen Grubenstandorte auch über Tage PCB-belastet sind. Auf Außenflächen der ehemaligen Anlage Itzenplitz beispielsweise liegen die Grenzwerte um das 35fache über der Umweltqualitätsnorm (UQN).

Bis 2010 sollten eigentlich alle PCB-Lasten beseitigt sein. Danach sind aber im Saarland bis 2017 noch knapp 500.000 Tonnen PCB-haltiger Sondermüll entsorgt worden. Wohin, weiß niemand. Nur für 10.000 Tonnen ist der Verbleib im Saarland dokumentiert. Wo sie liegen, wissen nicht einmal die saarländischen Überwachungsbehörden. Steht so im PCB-Kataster des LUA.

Gesundheitsrisiken durch Grubenflutung

Auch das bislang abgepumpte Grubenwasser enthält PCB, giftige Salze und Metalle in unzulässig hohen Konzentrationen. Die RAG entsorgt bisher die Untertage-Abwässer der Grube Reden über den Sinnerbach in die Blies (14 Millionen Kubikmeter/Jahr), von der Grube Camphausen in den Fischbach (1,7 Mio. Kubikmeter), von Victoria in den Köllerbach (1,9 Mio. Kubikmeter) und von Luisenthal und Duhamel in die Saar (zusammen 0,5 Mio. Kubikmeter). Die Gewässerchemiker stellen seit Jahren unzulässig hohe Schadstoffkonzentrationen fest. Bei der Flutung wird die Belastung weiter steigen, fürchtet die landesweite Bürgerinitiative H2O.

Gericht entscheidet am 20. Juni über Grubenflutung

Und es droht weiteres Übel von Untertage. Die RAG will die Stromkosten für das Abpumpen des eindringenden Wassers sparen. Dafür sollen die miteinander verbundenen Bergwerke so hoch geflutet werden, dass das steigende Grubenwasser bei Duhamel in Ensdorf ohne Pumpeneinsatz in die Saar überlaufen. Dieses Vorhaben berge große Risiken, sagen Experten. Das Oberverwaltungsgericht in Saarlouis wird dazu am 20. Juni eine Entscheidung treffen. Sie wird die Umweltqualität im Saarland auf Jahrzehnte hin beeinflussen.

Grubeflutung könnte Giftstoffe hochspülen

Saarberg hat unter der Erde ein riesiges System aus Schächten und Strecken hinterlassen. In diesen Hohlräumen wurden über Jahrzehnte jede Menge Giftmüll „entsorgt“, unter anderem
● 4.000 Tonnen chemiebelastete Gießereialtsande, Harze, Sonderabfälle aus der Rauchgasentschwefelung ,
● 260.000 Tonnen Flugasche aus Kohlekraftwerken, Formaldehydschäume.
● Insbesondere aromatische Kohlenwasserstoffe und zahlreiche giftige Schwermetalle stecken da drin.

So die Informationen aus einer Anhörung im Landtag. Werden diese Untertage-Sondermülldeponien geflutet, könnten sich die hochgespülten Giftmassen mit dem oberflächennahen Grundwasser vermischen, sagen Gutachter. Das hochsteigende Grubenwasser werde auch mehr Methan und radioaktives Radon aus dem Gestein in die oberflächennahe Luft drücken.

PCB-Höchstwerte in der Rossel: RAG verweigert Einblick in Entsorgungsakten

Wie es möglich ist, dass noch nach der „Sanierung“ einer großen Fläche die PCB-Belastung hochgeht, zeigt das Beispiel Rosseltal. Das Gebiet war, wie andere Regionen im Land auch, wegen des Kohleabbaus großflächig um einige Meter abgesackt. Deshalb hatte dort die RAG bis 1990 Hunderttausende Tonnen Bergematerial aufgefüllt. Seit der Sanierung, vor allem ab 2011 steigen die PCB-Werte in der Rossel deutlich an. Das Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA) geht davon aus, dass dies mit den Ablagerungen der RAG zusammenhängt. Wo das Material für die Auffüllungen herkam und was darin enthalten ist, weiß nur die RAG. Die RAG habe aber die Einsicht in die Unterlagen verweigert, sagt das LUA. Die Umweltbehörde bilanziert: Die Rossel weise „die mit Abstand höchsten PCB-Belastungen aller routinemäßig untersuchten Flüsse auf“.

Versicherungen sehen Zusammenhang zwischen Bergbau und Krebsraten

Dass der Bergbau auch Jahrzehnte nach der Schließung noch tödlich wirkt, wissen auch die Krankenversicherer. Die Krebsversicherung Advigon, eine Tochter der Hanse-Merkur-Gruppe, belegt, dass „Umweltfaktoren und berufliche Expositionen eine wichtige Rolle beim Krebsrisiko spielen, etwa wenn eine Region vom Bergbau geprägt war.“ Advigon sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Bergbau und regional erhöhten Lungenkrebsraten. Dies gelte „für die Kohlereviere an Rhein, Ruhr und Saar, in denen die Luft unter wie über Tage viele Schadstoffe enthielt. In diesen Fällen kann es auch Jahrzehnte nach den Zechenschließungen noch zu mehr Krebsfällen kommen.“

Radon offenbar nicht so relevant

Zurück zum Thema Radon, das im Saarland im Falle der Grubenflutung ein Risiko werden könnte. Sechs Prozent aller Lungenkrebsfälle in Deutschland werden durch das radioaktive Gas verursacht (RKI). Im Saarland gibt es einige Orte, in denen besonders viel Radon austritt. Dies geht aus nicht repräsentativen Daten hervor, die das Umweltministerium von Hauseigentümern auf freiwilliger Basis erhoben hat. Ein räumlicher Zusammenhang mit lokal hohen Lungenkrebsraten ist auf dieser Basis weder auszuschließen noch zu belegen.

Fazit: Das Krebsregister schafft dringenden Handlungsbedarf der Politik

Halden, Betriebsflächen, Sondermülldeponien, Emissionen aus dem laufenden Betrieb – allein wegen der schieren Anzahl der Schadstoffquellen wären die Überwachungsbehörden mit einer Aufarbeitung überfordert. Die Behörden bekommen von den Verursachern auch nicht einmal alle erforderlichen Informationen.

Was also tun für die Gesundheit der Saarländer? Ausreichend Ansätze für eine Prävention gibt das saarländische Krebsregister. Es nennt die Orte mit den meisten Krebserkrankungen. Und diese decken sich großenteils mit den Orten früherer und heutiger Gruben- und Hüttenaktivitäten. Welche Zusammenhänge genau bestehen und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, dies herauszufinden ist Aufgabe der saarländischen Gesundheits- und Umweltpolitik.

Interessenkonflikt? Rehlinger und Maas im Kuratorium der RAG-Stiftung

Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) und der Vorsitzende des Verbandes der Saarhütten, Heiko Maas (SPD), sitzen im Aufsichtsgremium (Kuratorium) der RAG-Stiftung. Die Stiftung hat 17 Milliarden Euro Kapital aufgehäuft, um die Ewigkeitslasten des Bergbaus zu managen. Dazu gehören die „Beseitigung und Vermeidung von Folgelasten des Steinkohlenbergbaus… und Maßnahmen zur dauerhaften Bewirtschaftung von Gruben und Grundwasser“ (RAG-Stiftung.de). Altlastensanierung und Grundwasserschutz – genau die Saarland-Themen, die Rehlinger und Maas im Kuratorium der RAG-Stiftung und im anstehenden Gerichtsverfahren aufs Tapet bringen könnten. Dann hätten auch die Ihnen zustehenden Aufsichtsratstantiemen in Höhe von ca. 20.000 Euro im Jahr ihre Berechtigung.

Quellen
Altlastenkataster der „Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Bodenschutz“
PCB-Kataster für das Saarland
Hintergrundpapier Bergbau des Ministeriums für Umwelt zur Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie im Saarland 2018
IMMESSA Berichte Saarland des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz

Zu diesem Thema:
Gesundheitsreport I: Saarländer sind die kränksten Deutschen
Gesundheitsreport II: Krebsatlas Saar: Die Orte mit niedrigen und hohen Krebsraten
Gesundheitsreport III: Krebsrisiko und Esskultur – Das Lyoner-Dilemma der Saarländer

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